Tote Namen
von Torsten Hartmann
ISBN: 978-3-8370-0769-5
Paperback
96 Seiten
€ 6,95
Er wachte auf.
Unsicher blickte er um sich. Bewegen konnte
er sich nicht.
Es musste morgens sein. Es war bestimmt
morgens. Ein kalter Morgen.
Er hatte schon eine Menge beschissener
Morgen erlebt. Einige mit Kater, einige mit
einer Grippe und einige ohne eine richtige
Nacht davor. Das hier war bedeutend beschissener.
Er wartete auf sein Leben. Das Leben, das
jeden Moment vor seinem inneren Auge
vorbeischnellen müsste und ihm mit gedrückter
Bildsuchlauftaste noch einmal die
schönen und harten Zeiten, die süßen und
bitteren Erfahrungen, die glücklichen und
traurigen Momente ins Gedächtnis rufen
würde.
Einen Teufel tat es. Nicht einmal ein Licht
war da. Er hatte nie Angst vor dem Tod, hatte
sich schon früh damit abgefunden und sich oft
überlegt, wie es wohl sein würde. Man
erzählte sich von grellem Licht, von umhüllender
Wärme und eben von dem Leben,
das wie ein Film noch einmal abgespielt wird.
Aber nichts ... scheiße kalt war es und er
wurde einfach nur müde. Ihm fielen die Augen
zu, wie bei einem Sekundenschlaf oder kurz
vor dem Wirken einer heftigen Narkose. Er
kannte das Gefühl von seiner Blinddarm OP.
Verdammter Mist, dachte er bei sich. Da
denkt man sein ganzes Leben darüber nach,
was einen Tolles erwartet wenn man stirbt,
und dann fühlt es sich an wie eine beschissene
Blinddarm OP.
Er war ein wenig sauer, was man ihm kaum
verübeln konnte. Nicht nur wegen des
enttäuschenden Gefühls. Es lag auch ein
bisschen an der Kugel in seinem Kopf. So
richtig gesessen hatte die anscheinend nicht,
sonst würde er sich jetzt nicht so über den
anstehenden Tod ärgern.
Gedacht war die Kugel wohl dem Lindern
der Leiden, die ihm eine andere Kugel in
seinem Bein zufügte.
Als man ihm anbot, seine Leiden zu
vermindern, hatte er sich das ein wenig anders
vorgestellt. Etwas positiver eben. Mit einer
Kugel im Bein vor dem örtlichen Krankenhaus
rausgeschmissen werden oder so etwas in der
Art. Wie naiv, dachte er bei sich.
Scheiße kalt war es und nun konnte er seine
Augen kaum noch aufhalten.
Mit einem gewaltigen Zucken rüttelte er
sich wach. Nein, dachte er bei sich. Nein, noch
nicht. Wenn er jetzt einfach nicht ans Sterben
denken würde, wenn er sich einfach noch ein
Weilchen zusammenreißen würde, dann
könnte vielleicht Hilfe herbeieilen. Mit nur ein
wenig Glück vielleicht. Er war immer ein
Glückspilz. Der glückliche Zufall war stets
sein Begleiter. Wo ist der Rotzbengel, wenn
man ihn braucht!?
Vielleicht könnte er es ja sogar selbst
schaffen. Er würde sich mit letzter Kraft, aber
nicht mit allerletzter, auf die Seite werfen und
durch die Tür zum Gang hinaus robben. Da
gäbe es vielleicht irgendwo ein Telefon. Er
würde den Leuten beschreiben wie es um ihn
steht, eben recht aussichtslos, und wo er sich
aufhielt. Ein gewiefter Polizist würde
vielleicht sogar den Standort des Telefons
ausfindig machen können. Dann würde man
einen Notarztwagen bestellen, und glücklicherweise
kannte er sogar seine Blutgruppe,
sodass auch die nötigen Blutkonserven da
wären. Man würde ihn künstlich beatmen, ihn
in eine warme Decke hüllen, noch im
Krankenwagen seine Wunden behandeln und
ihn dann im Krankenhaus operieren. Er würde
dann irgendwann aufwachen und über diesen
ganzen Alptraum lachen.
Er wachte auf.
Beim Anblick der riesigen Pfütze Blut fragte er sich, ob er wirklich jemals soviel davon in seinem Körper hatte. Wo sollte das überall gewesen sein. Irre.
Er schlief ein.
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