Im Rahmen des Fantasy Filmfests durfte ich gestern dem neuen Yakuza-Spektakel Beat Takeshis beiwohnen. Warum schaut man sich eigentlich einen Yakuza Film an? Natürlich, um einem Haufen steinharter Mienen zuzuschauen, wie sie sich gegenseitig in Grund und Boden brüllen. Warum schaut man sich einen Takeshi Kitano Yakuza Film an? Weil diese meistens noch mehr steinerne Mienen beinhalten und weil dort noch viel mehr gebrüllt wird. Und niemand brüllt eben so schön wie ein Yakuza, gespielt von Kitano oder Größen wie Tetta Sugimoto. Willkommen zu Outrage, willkommen zu Japans The Expendables des Yakuza-Genres.

In der Tat hat der Meister in seinem aktuellen Film derart viele Yakuza-Darsteller rekrutiert, dass es stellenweise nicht einfach ist durch die gefühlt 32 Charaktere und ihrer Bindung zu den drei Fronten im Film zu steigen. Das liegt vor allem daran, dass sie alle eines gemeinsam haben: einen starken Hunger nach Macht. Um diesen zu befriedigen lassen sie keine Chance aus, den nächsten Yakuza-Bruder für eine höhere Anstellung zu verraten, zu foltern oder gleich umzubringen. Outrage zeigt eine Demontage der aussterbenden Verbrecherart. Wer auf so etwas wie Ehre hofft, liegt wenig später meist mit einer Kugel im Körper im Straßengraben. Oder schlimmeres. Und da macht Kitano sich und uns nichts vor. Er drehte den Film so, wie er seine Gangster-Filme immer gedreht hat. Mit ruhigen Passagen, die sich mit Wutausbrüchen und höchst brutalen Gewaltexzessen abwechseln. Outrage steigert sich zum Ende in einer Gewaltspirale, die sich immer enger zusammenzieht. Das hat den interessant Effekt, dass man als Zuschauer irgendwann schon angespannt auf den nächsten Schuss wartet, wenn gerade mal zwei Minuten geschwiegen wird oder die Kamera eine Person verdächtig lange in der Totalen einfängt. Oft bestätigt sich der Verdacht.

Klar, dass Kitano nicht zwei Dutzend hochkarätiger Schauspieler um sich versammelt um diese am Ende friedlich miteinander Saké trinken zu lassen. In seiner Zatôichi-Verfilmung aber luden ja auch alle zum fröhlichen Tänzchen im Abspann. Die Hoffnung stirbt eben zuletzt aber sie stirbt bei Outrage und mit ihr auch der Großteil des Casts. Und das ist kein Spoiler sondern ein Film-Fakt bei einem Kitano Gangsterfilm. Und wer will schon Tomokazu Miura tanzen sehen? Lieber nicht.

Filmtechnisch begeistert Outrage durch seine traditionelle Art. Überraschend oft werden Szenen langsam ausgeblendet. Beinahe schon ein Relikt, das bei anderen modernen Filmen ja lediglich noch vor dem Abspann auftauchen darf. Untermalt von dem für einen Yakuzafilm ungewohnt elektronischen, aber durchaus überzeugenden Soundtrack aus den talentierten Händen Keiichi Suzukis kommt eine arg beklommene Stimmung auf.

Kitano hat mit Outrage das gemacht, was er am besten kann. Und zwar so wie er es am besten kann und wie er es schon vielfach in der Vergangenheit bewiesen hat. Und Kitano darf das. Was Kritiker etwa bei Guy Ritchies Gangsterfilmen als immer gleiches Muster bemängeln, nennen sie bei Kitano ein von Gott gegebenes Talent, das dieser in Form seiner Filme nutzen muss. Das ist unfair, dafür kann Beat Takeshi aber nichts. Outrage muss man sich schon deswegen anschauen, weil die Art des Films eigentlich vom Aussterben bedroht ist. Eben so, wie die Yakuza im Film, die sich noch an den Ehrenkodex halten.