Es ist mitten in der Nacht und ich sollte eigentlich schlafen. Das kann ich aber nicht, denn mir geht nicht aus dem Kopf, was mir vor wenigen Stunden im Kino mit Zack Snyders Film Sucker Punch geboten wurde. Also habe ich mein Bett wieder verlassen, um diese Zeilen zu verfassen. Im Beisein einiger Freunde habe ich einmal die Theorie aufgestellt, Snyder hätte mit 300 und Watchmen ausloten wollen, ob sein Traumprojekt mit den derzeit technisch verfügbaren Mitteln überhaupt zu realisieren sei. Wie der Ausrutscher Legende der Wächter im Nachhinein in diese Theorie passt, vermag ich nicht zu erklären, Sucker Punch aber ist ein Werk, das bezüglich meiner Mutmaßung passt wie die Faust aufs Auge.

Bei der Mehrheit der Zuschauer wird er aber nicht gut wegkommen. Das kann er auch gar nicht, so fernab filmischer Konventionen ist er angesiedelt. Das ist risikoreich. Andererseits aber auch Gold wert. Diesen Schritt haben vor ihm schon andere gewagt. Terry Gilliam mit Brazil, ein Film der mir beim Anschauen von Sucker Punch des öfteren in den Sinn kam, hatte es damals in den 80ern, als vom Kino verlangt wurde, das noch Unbekannte zu bieten und vorhandene Grenzen zu sprengen, wesentlich einfacher. Heute, wo diese Grenzen längst bis zur Unkenntlichkeit verschwommen sind und viele Kritiker der Meinung sind, überschäumenden Surrealismus sei dem niedrig budgetierten Autorenfilm vorenthalten, stellt es in einem Actionfilm noch extrahohe Hürden auf.

Sucker Punch hält erstaunlicherweise genau das, was der Trailer versprach. Normalerweise sollte man sich Trailer gar nicht anschauen, in diesem Falle ist es aber sogar äußerst wichtig. Denn wen die übersprudelnde Schönheit, Ästhetik und Kinetik im Trailer hat träumen lassen, dem bietet der Film 110 Minuten lang stetig diesen Moment. Und zwar nur das. Wer dem Film nach vorangegangener Sichtung des Trailers aber dennoch flache Dialoge und eine fehlende packende Story vorwirft, der hat vielleicht die Fähigkeit zu träumen längst verloren und schießt am eigentlichen Kern des Films vorbei.

Die Dialoge sind hier gänzlich unwichtig. Deswegen machen sie auch gefühlt kaum 30 Minuten des gesamten Films aus. Sie sind lediglich Verbindungsstücke. Einleitungen, die mit knappen Sätzen schildern, warum den Protagonisten und dem Zuschauer gleich wieder das gesamte Setting krachend um die Ohren fliegt. Sie sind aber auch Kontrastprogramm. Ruhepausen, nicht zu kurz und nicht zu lang, die nötig sind, um im Angesicht der Non-Stop Action auf dem Schirm nicht übersättigt zu werden.

Die eigentliche Brillanz des Films liegt in der intelligenten Art, wie es Snyder gelingt, dieses mit reichlich Surrealismus angereicherte und auf Überlänge aufgeblähte Musikvideo, abendfüllend zu rechtfertigen. Er versetzt seine tragische Hauptfigur Baby-Doll (Emily Browning) in ein romantisiertes Abbild ihrer Realität und verleiht ihr dort die magische Fähigkeit Menschen in dieser, von ihr gesteuerten Umgebung zu hypnotisieren. Ein im Film nicht weiter erklärtes Mysterium, dass Baby-Doll und ihre Mitstreiter in der Gefangenschaft einer Psychiatrie weit über sich hinaus wachsen lässt. Sie zu einer Spezialeinheit der Fantasie macht. Zu modernen, übermenschlichen Soldaten in fantastischen Welten, um Dinge in der realen Welt zu bewerkstelligen, zu denen sie in der erdrückenden Umgebung der Anstalt nicht fähig wären. Aus den Teilen eines Plans, aus der Anstalt zu entkommen werden so überzogene Spezialeinsätze mit knappen Briefings und unglaublich inszenierter Action.

Wenn dann Orks aussehen wie in Jacksons Tolkien Verfilmung, dabei ein Drache im lodernden Feuer zwischen zwei Bögen auf einem steinernen Turm wie in Mordor thront und sein Auge beim genauen Hinschauen dem Saurons ähnelt, ist das nur eins von vielen kleinen Details und der Grund dafür sich diesen Film mindestens zweimal anzuschauen. All das wird untermalt von einer Mixtur aus Coverversionen musikalischer Hochmomente und dem knarzend rauen Sound Tyler Bates, dessen Höhepunkt unweigerlich die Neuinterpretation von Jefferson Airplanes White Rabbit darstellt, die krachend über den trostlos grauen Schützengräben eines zombifizierten Ersten Weltkriegs liegt.

»Stop dreaming, those who say that are blaspheming«, »Hört auf zu träumen? – Leute die das sagen sind blasphemisch!«, sprach bereits The Streets im Song Stay Positiv. Wer aber noch träumen kann und das auch gerne tut, dem bietet Sucker Punch ein Filmerlebnis der besonderen Art. Und ja, wer diesem Film eine schlechte Kritik gibt, muss sich von mir den Vorwurf gefallen lassen, eine Mitschuld daran zu tragen, dass wir Woche für Woche den gleichen Mist im Kino vorgesetzt bekommen. Ihr dürft mich jetzt hassen, ist mir egal. Ich träume schon wieder. Gleich, in meinem Bett.