Beim ersten Teil von Kane & Lynch hing ich irgendwann in einer Mission fest, als es galt, zwei Handvoll computergesteuerter Support-Charaktere lebend durch einen Heli-Angriff zu geleiten. Die künstliche Intelligenz oder besser künstliche Dummheit der mir zugeteilten Kameraden war derart bekloppt, dass sie mir wie Fliegen dahinstarben und meine Lust am Spiel gleich mit ins Grab nahmen. Teil Zwei habe ich, bis vor ein paar Tagen, bestimmt ignoriert. Jetzt, wo einem das Spiel zum Schleuderpreis hinterher geworfen wird, habe ich ihm eine Chance gegeben. Und siehe da: mit Gehirn auf Stand-By hatte ich meinen Spaß. Und wenn ich sage Stand-By, meine ich Stand-By, denn am Ende kann ich euch nicht mal sagen, wer von beiden Kane und wer Lynch ist.

Kein Wunder, denn das Spiel hat meinen Triggerfinger derart nervös zucken lassen, dass neben gefühlt 500 Polizisten, Triaden und Mafiosi auch die Zwischensequenzen nicht rechtzeitig Deckung gefunden haben und schlichtweg von mir mit weggepustet wurden. Denn, um das Fazit mal vorweg zunehmen, was anderes als allein oder mit einem Freund (online oder offline!) aus der Deckung mit einer bunten Tüte Waffen auf zahlreiche Gegner zu schießen bietet “Kane & Lynch 2″ in Sachen Gameplay nicht. Zum Glück vielleicht? Keine leidigen Unterbrechungen durch fehlplatzierte Bosskämpfe oder orientierungsloses Umherirren. Lediglich gegen Ende des Spiels wird uns abgekocht und mau gewürzt wieder mal die obligatorische Rail-Shooter Einlage vorgesetzt. Natürlich in einem Hubschrauber. Überraschung!

Davor und danach weiß das Spiel was es kann und hält daran fest. Wir suchen Deckung, schießen, laden nach, schießen, treffen, suchen neue Deckung und wiederholen das ohne große Abweichung bis die Namen im Abspann rollen. Dank ausgezeichnetem Look & Feel ist das aber ein Spaß für Augen und Ohren. Wer die Wackelkamera abstellt tut selbiges auch mit dem Spielspaß. Denn sie fängt das mal leuchtend bunte und dann wieder dreckig düstere Shanghai im Spiel mit leichten RGB-Farbverschiebungen am Bildschirmrand zusammen mit der durch große Pixel zensierten Gewalt und Nacktheit auf dem Schirm so ein, wie eine Front-Doku im Sensations-TV.

Hinzukommt, dass sich IO Interactive nicht zu schade war, ihre beiden Antihelden richtig schön abgefuckt darzustellen. Ein verschwitztes, geripptes Unterhemd, der blutige Kapuzenpullover eines erschossenen Widersachers oder die blaugelbe Trainingshose aus derselben Quelle. Das ganze gipfelt in einem Level, das beide Protagonisten nackt und am ganzen Körper übersät mit frischen Schnittwunden durch Folter bewältigen. Hier waren Kane und Lynch ihren Entwicklern wirklich zu nichts zu schade.

Am Ende ist dann aber auch bloß Ende. Nicht mal ein Abspann war mehr drin. Wer zu diesem Zeitpunkt für ein paar Stunden Spiel 60 Euro ausgegeben hat, würde den ein oder anderen Eidos/Square-Enix Verantwortlichen wahrscheinlich auch gerne mal nackt und mit Narben übersät durch die Straßen eines verruchten Rotlichtviertels jagen. Verständlich. Wir sind hier nicht im Kino, wir sind immer noch beim Medium Spiel und da verlangen auch offene Enden irgendeine Form von befriedigender Belohnung.

Deckungsshooter gibt es viele, wenige aber können hier in Sachen Handling und audiovisueller Aspekte hoch punkten. “Kane & Lynch 2″ kann das. Nicht für den Vollpreis, wohl aber für die paar Euro, für die es seit einiger Zeit mancher Orts zu haben ist. Ich hatte einige nette Stunden mit dem Chaos-Duo. So nett, dass ich jetzt noch mal einige Xbox360-Erfolge sammele und dabei auch mal drauf achte, wer jetzt eigentlich Kane und wer Lynch ist. Versprochen.