Zugegeben, als mir meine Frau das Leseexemplar von Kerstin Pfliegers “Die Alchemie der Unsterblichkeit” auf den Nachtschrank legte, beäugte ich das Buch ob des Titels erst einmal sehr abschätzig. Die ersten zehn Seiten meines Probelesens gestalteten sich holprig, was vor allem an der gewollt altertümlichen Schreibe lag, an die ich mich nach dem ungewöhnlich innovativen Schreibstil im von mir zuvor gelesenen Buch “Harold” von Einzlkind erst einmal wieder gewöhnen musste. Es gelang mir sehr schnell und fortan war es mir nur noch schwer möglich, das Buch überhaupt wieder beiseite zu legen. Ich war gefangen in der fantastisch düsteren Welt Dornfeldes im Jahr 1771.

Die liegt irgendwo tief im Schwarzwald, im sogenanten dunklen Territorium, wo den Erzählungen nach allerhand Übernatürliches und Gefährliches umherkreucht. Der junge Gelehrte Icherios Ceihn, der seinen Unterhalt bei der Polizei in Karlsruhe verdient, auf einen Studienplatz für Medizin wartet und gelegentlich dem Laudanum-Konsum frönt, wird von seinem Vorgesetzten dorthin gesandt um drei Ritual-Morde aufzuklären. Bereits die Fahrt per Kutsche erweist sich allerdings als nicht ungefährlich und die Tatsache, dass in Dornfelde neben Menschen scheinbar auch Vampire, Werwölfe und Irrlichter leben, macht die Sache für den zu modernen Naturwissenschaften hingezogenen Icherios auch nicht einfacher. Bereits nach wenigen Tagen wird ihm zudem klar, dass es für ihn nicht nur darum geht, die Morde aufzuklären, sondern auch darum, wieder lebend nach Karlsruhe zurück zu gelangen.

Die Welt in Kerstin Pfliegers Debüt-Werk ist wohl am ehesten als eine Scheibenwelt ohne Humor zu beschreiben. Genau wie bei Meister Pratchett tummeln sich hier allerlei Sagengestalten, aber das Lachen ist hier jedem im Hals steckengeblieben. Das tut es auch beim Leser, wenn die Autorin regelmäßig in kurzen, eingestreuten Kapiteln aus der Sicht des Mörders dessen hasserfüllte Gedanken oder auch sein grausiges Handwerk beschreibt.

Die Hauptfigur Icherios Ceihn teilt zudem nicht nur die ersten drei Buchstaben seines Vornamens mit der Figur des Ichabod Crane aus der Sleepy Hollow Legende. Ich gestehe, ich kenne das Originalwerk von Washington Irving nicht, vermag aber einige Parallelen zwischen “Die Alchemie der Unsterblichkeit” und der Tim Burton Verfilmung, was Setting und Charaktereigenschaften angeht, auszumachen. Und ich finde sie großartig, denn unterm Strich passt das alles sehr gut zusammen und sorgt für spannende Lesestunden mit schaurig schönem Flair. “Die Alchemie der Unsterblichkeit” ist in sich abgeschlossen, die Welt und die Geschichte um ihre Hauptfigur aber wird wohl im bereits für Dezember angekündigten “Der Krähenturm” weitergeführt. Um die Wartezeit zu verkürzen, kann man ja schonmal im Blog der Autorin stöbern.