In der Vorfreude-Phase auf Kevin Smiths neuen Film “Red State” erlebte ich ein interessantes Phänomen. Egal, wo ich meiner Freude auf den näherrückenden Release des Films Ausdruck verlieh, wurde versucht mir Wind aus den Segeln zu nehmen, mit dem Hinweis, es sei leider kein typischer Kevin Smith Film. Zeitreise einige Jahre zurück: ein Blogger (damals noch selten), ich, sitzt nachts vor dem Computer und liest ein Interview mit Kevin Smith, der über ein zukünftiges Filmprojekt “Red State” spricht und es einen etwas anderen Horrorfilm nennt. Punkt. In meinem Kopf war sofort eins klar: das wird wohl kein typischer Kevin Smith Film.

Jedes weitere Detail, das zum Film bekannt wurde, verdeutlichte das mehr und mehr. Den Meister trifft also keine Schuld. Mir kommen außerdem wieder diese Diskussionen in den Kopf, über Regisseure, die angeblichen immer die selben Filme machen. War Kevin Smith nicht angeblich auch in dem Club? Natürlich nicht. Ich weiß das. Und nicht bloß wegen “Jersey Girl”. Egal, hier gehts um “Red State”. Die Aussicht auf einen ganz anderen Kevin Smith Film hat für mich jedenfalls schon ausgereicht um mich noch mehr darauf zu freuen.

Die Macher aus der Schule der Miramax-Gebrüder Weinstein sahen deren Sparzwang wohl eher als Tugend und ehren den verstorbenen Harvey Weinstein sogar mit der Namensgebung ihrer Produktionsfirma “The Harvey Boys”. Schlappe vier Millionen US-Dollar hat das Projekt gekostet und läuft, dank einer Tour mit dem Film durch die USA und der dort angelaufenen Ausstrahlung auf den wichtigsten Video-On-Demand Plattformen, wohl sehr gut. Wir dürfen uns also nächstes Jahr auf Smiths Lebenswerk “Hit Somebody” freuen. Mit beinahe dem gesamten Cast aus “Red State”, so verspricht es dessen Abspann. Und das ist gut, denn dieser Cast hat sich durch die Bank als hoch talentiert bewiesen.

Ein Horrorfilm ist “Red State” nicht. Eher ein Drama. Angesiedelt ist der Film um eine Gruppe heranwachsender Teenager, die sich zum Wochenende ein kleines Schäferstündchen mit einer Trailer-Hure organisieren und irgendwo im politisch konservativen roten Ödland auf einem einsamen Anwesen in den Fängen einer fundamentalistischen Kirchengemeinde mit keinerlei Ähnlichkeit zu realen existierenden Organisationen landen, die vornehmlich gegen Schwule hetzt und gerne auch mal selbst bei der Bestrafung der Sündiger Hand anlegt. Angeführt wird der überschaubare, homophobe Haufen von Prediger Abin Cooper, grandios gespielt von einem singenden und tanzenden Michael Parks, der mir so schnell nicht aus dem Kopf gehen wird. Ein Fluchtversuch der Teenager spitzt die Situation derart katastrophal zu, dass auch der Einsatz einer Spezialeinheit unter der Leitung von Joseph Keenan (ein Fest: John Goodman) lediglich das Ausmaß der Tragödie vergrößert.

“Red State” schafft den Spagat zwischen B-Movie Horror und Indie-Anspruch mit einem interessanten Trick: die klassische Hauptrolle des Genres, die wir auf ihrem Leidensweg begleiten und die es am Ende (zumindest vor den Credits und der obligatorischen, meist alles wieder auf Anfang setzende Szene) vielleicht sogar schafft, gibt es nicht. Bei “Red State” verfolgen wir diese Figuren nur über einen kurzen Zeitraum, bevor sie aus der Geschichte gestrichen werden und neue Figuren auftreten. Wirklich über lange Strecken portraitiert wird hier nur das Böse, allen voran personifiziert von Prediger Cooper und der herrlich fehlgeleiteten Sara (Melissa Leo). Das Finale am Ende der Achterbahnfahrt überzeugt trotz Niedrig-Budgetierung durch die einfache aber treffsichere audiovisuelle Umsetzung. Gefolgt von einer Schluss-Szene, die mich dezent an das Finale von “Burn After Reading” erinnerte.

Wer sich wie ich in einen der US-Video-On-Demand Dienste schummeln konnte, dem sei das Berappen der zehn US-Dollar, die man dort derzeit für die Sichtung des Films bezahlen muss, wärmstens ans Herz gelegt. Und wenn es irgendwo in der Traumfabrik vielleicht noch ein Fünkchen Gerechtigkeit gibt (ich sage jetzt ob des Films absichtlich nicht “einen Gott”), dann lesen wir einen der Namen des “Red State” Casts in der Liste der Nominierungen der nächsten Academy-Awards. Ich würde mich über “Michael Parks” freuen.