Warum tue ich mich eigentlich so schwer mit Animes? Als dezent japanophiler Nerd sollte man doch eigentlich schon begeistert sein, wenn die Augen der Akteure größer sind als deren Hände. Ist bei mir aber nicht so. Ich finde auch die oft damit einhergehenden J-Pop Soundtracks genau so belanglos wie deutschen, englischen oder sonst einen Pop und “Moe” bleibt für mich immer der Dicke von den Drei Stooges. Anime und ich sind nicht kompatibel. Lediglich Studio Ghibli schafft es irgendwie immer wieder, dass ich mir deren Filme sogar ins Regal stelle. Eigentlich ja in erster Linie als Filmereignis für meine Tochter, aber am Ende immer auch ein Genuss für mich. Das trifft auch auf Kari-gurashi no Arietti zu, der aktuell in Deutschland auf Blu-ray erschienen ist.

Kari-gurashi no Arietti basiert auf den Borger-Büchern von Mary Norton. In deren Welt leben winzig kleine Menschen in den Wänden und Böden der Häuser und borgen sich Dinge von den Menschen, die sie zum Überleben benötigen. Dabei nehmen sie immer nur so viel, dass es niemandem auffällt und keiner skeptisch wird. Denn wenn ein Mensch einen Borger sieht, müssen diese sich aus Sicherheitsgründen eine neue Bleibe suchen und das kann eine ganz schön aufwendige Aktion sein, wenn man nicht einfach das Umzugsunternehmen anrufen kann. Genau das aber passiert der 14 jährigen Borger Arietti. Der schwerkranke Menschenjunge Sho zieht in das Haus seiner Tante und entdeckt das Zwergenmädchen bei einem ihrer Ausflüge in die Welt der Menschen.

Während Ghibli-Legende Hayao Miyazaki erfreulicherweise an einem Nachfolger zu Kurenai no buta (Porco Rosso) arbeitet, nahm der sonst für die Animationen verantwortliche Hiromasa Yonebayashi auf dem Regiestuhl platz und hat mit seinem Team einen, wie ich finde, einen sauguten Job gemacht. Optisch macht der Film für mich noch mal um einiges mehr her, als es Ponyo schon tat. Das liegt vor allem an der Szenerie. Während bei Ponyo der Fokus auf der schillernden Unterwasserwelt lag, gibt es bei Kari-gurashi no Arietti saftig grüne Wiesen, belebte Fauna und wunderschön detailreich die alltäglichen, in der Welt der Borger aber meist praktisch umfunktionierten Gegenstände der Menschen in der Makroansicht.

Was mich an Arietti, wie auch vielen anderen Ghibli-Filmen aber am meisten begeistert, ist die im direkten Vergleich zu westlichen Kinderfilmen unkonventionelle Art der Erzählung. Während sich der Indie-Realfilm mittlerweile zum Glück vollends von den veralteten Lehrbüchern Hollywoods verabschiedet hat, wird beim Kinderfilm oft noch genauso verfahren wie immer. Charaktere dürfen nicht ohne tieferen Sinn in der Erzählung eingeführt werden. Objekte, die im Detail vorgestellt werden, müssen später unbedingt eine tragende Rolle spielen. Am Ende muss klar sein, dass alle Beteiligten glücklich bis an ihr Lebensende sind. Nicht so in Arietti. Der “Suitable Mate” wird bloß angerissen, um unsere Gemüter über das Ende hinaus ruhig zu halten. Die schwere Krankheit des Protagonisten Sho wird wie die der Mutter im Klassiker Totoro zwar im Kern thematisiert, nicht aber die potentielle Genesung. Ghibli-Filme sind Momentaufnahmen. Dinge, die in der Vergangenheit oder in der Zukunft der Figuren spielen, werden wenig bis gar nicht bedacht.

Eine erfrischende Art der Erzählung, ein Segen für Eltern, denen der Ausgang einer Geschichte sonst schon zehn Minuten nach Beginn eines Films klar wird und sicherlich auch eine Bereicherung für die Kinder. Die sind ja auch nicht ganz doof.