Mein Soldat der Support-Klasse liegt flach auf dem Boden. Das M249 am Boden aufgestützt, feuere ich unentwegt auf einen abgestellten Güterwaggon, um den Feind dahinter in Schach zu halten. Das Assault-Team stürmt links und rechts von mir auf den Waggon zu und umstellt ihn. Schreie. Englisch und russisch wird hastig durcheinander geschrieen. Im Headset vermischt sich das mit deutschen und französischen Stimmen von Spielern, die krampfhaft versuchen, die Lage irgendwie unter (ihre) Kontrolle zu bekommen. Ich feuere weiter unter den Waggon. Hoffe, dass die Beine, die ich dort sehe dem Feind gehören. Etwas reisst meinen Helden herum. Ich blicke in das Gesicht eines Aufklärers, der meinem Soldaten soeben hinterrücks die Kehle aufgeschnitten hat. Wer hat mir eigentlich Deckung gegeben? Egal. Willkommen auf dem Schlachtfeld 3.0.

Genau wie Modern Warfare, das nur zwei Wochen später erscheint, ist Battlefield 3 ein Triple A Titel, der sich zwar millionenfach verkaufen wird, aber dennoch wie kein anderer Titel bereits im Vorfeld von Unwissenden als ein weiterer Shooter, der nicht aus der Masse heraussticht, abgetan wird. Überwiegend von Menschen, die nie ein Battlefield länger als eine Stunde gespielt haben. Egal. Wer Battlefield kennt, wer es liebt, wer in dessen Multiplayer aufgeht, der schert sich einen Dreck um das Halbwissen anderer und genießt. Entweder auf der Konsole, in nicht ganz so unglaublich schön, aber immer noch schön genug oder als optisches Bombast Paket auf dem PC. Und dem dort herrschenden Origin-Problem.

Man möchte weinen. Als wäre es nicht schlimm genug, dass wir Battlefield-Spieler jeden Tag die Nörgler und Hater ertragen müssen, nein, da brechen die Schlipsträger in der Chefetage von Electronic Arts mit der Community Software Origin glatt noch einen fulminant peinlichen Datenschutz-Skandal vom Zaun. Wie muss sich bitte schön DICE, Macher der Meilensteine Battlefield und Mirror’s Edge, fühlen, wenn ihr Baby auf den Markt kommt, das von Millionen erwartet wird und dann in der Presse zerrissen wird, weil EA den PC-Spielern auf der Festplatte herumschnüffelt?

Nicht besonders gut denke ich. Zu Unrecht, denn was DICE bei Battlefield 3 aufgefahren haben, ist schier der Wahnsinn. Riesige Karten mit selbst auf Konsole großartigen Lichteffekten, einem wie immer grandios in Szene gesetzten Sound, neuen Features, wie etwa das flach auf den Boden legen, die gefühlt drölfzillionen Dinge zum Freispielen, die neuen in Hülle und Fülle vorhandenen In-Game Auszeichnung und Jets. Fucking Jets! Die fliegen wir nicht im Schlaf, wie etwa bei der Ace Combat Serie. Die müssen wir, wie schon die Kampfflugzeuge in Battlefield 1943, wirklich meistern. Der Weg zum Ace Pilot ist steinig, umso schöner aber ist es, wenn wir ihn bis zum Ende gegangen sind.

In Bad Company 2 habe ich um die 60 Stunden gebraucht, um den letzten Gegenstand freizuspielen. Von den Auszeichnungen hatte ich zu der Zeit nur circa ein Sechstel. Bei Battlefield 3 gibt es noch mehr Auszeichnungen, und neben freizuspielenden Waffen können wir diese jetzt jeweils auch noch mit freispielbaren Sonderfunktionen aufrüsten. Das selbe gilt für Fahr- und Flugzeuge. Belohnungen für weit mehr als 100 Spielstunden dürften damit garantiert sein.

Da stört uns Battlefield Veteranen auch nicht die zunehmende Modern-Warfare-nisierung, dank derer jetzt mit großen leuchtenden Lettern jeder Mist kommentiert wird. Von “Enemy killed” bis “Enemy beim Pinkeln erwischt”. Oder so ähnlich. Da stehen wir drüber. Da müssen wir durch, da kommen wir durch. Denn Battlefield 3 belohnt uns auch dann, wenn wir gerade nix freispielen. Wenn wir im Team eine Basis belagern, eine verteidigen oder verzweifelt die Flucht über weites unsicheres Terrain antreten. Hier sind die Wow-Momente nicht geskriptet. Hier sorgen 24 menschliche Spieler auf Konsole und 64 auf dem PC für individuelle Action, die keine KI auch nur annähernd so spannend in Szene setzen kann. Auch nicht die sich bezeichnenderweise auf Disc 2 befindliche Einzelspieler-Kampagne, die uns zwar immer dann tolle Momente beschert, wenn wir mit dem Spetznaz Dima unterwegs sind und wir zum Beispiel im Dreier-Team eine Villa belagern, aber nie auch nur ansatzweise an das herankommt, was uns im Mehrspieler Modus geboten wird.

Ich bin derweil wieder auf dem Schlachtfeld. Battlefield-Soldaten sterben wie die Fliegen. Zumindest wenn ich sie spiele. Beim Anblick meiner Kill/Death Ratio würde sich Donald Rumsfeld aus Schmach vor der Zunft entleiben, mein virtueller Soldat und ich aber kämpfen für mehr. Er für das “Greater Good”, für das Team. Ich für den unendlichen Spaß, den mir dieses Spiel, wie auch schon seine Vorgänger, bereitet. Danke, DICE. Danke!