Die militärische Uhr schlägt 2400 hours Juliet. Ich hocke vor der Xbox 360. Mein Alter-Ego, ein Heckenschütze, hockt gut getarnt mit seinem Spotter in irgendeinem dichten Dschungel und er beobachtet. Er beobachtet viel in diesem Spiel. Das ist gut, denn Sniper Ghost Warrior 2 will wieder eine ernstzunehmende Scharfschützen-Simulation sein. Zumindest soweit, dass es noch Spaß macht und als Spiel gilt. Ich gebe aber zu, dass ich schon gerne mal ein Spiel zocken würde, in dem ich meine Waffe selbständig kalibrieren muss (Der, der da schreit, ist wahrscheinlich (der LFO, der mir jetzt sagen will, dass das bei ARMA bestimmt schon ewig geht. Okay, ich warte dann auf die Konsolen Version).

Soweit geht es hier nicht. Der Realismus beschränkt sich auf die Ballistik und das Miteinbeziehen des Windes. Das ist schon großartig. Wenn ich also in besagtem Dschungel hocke und mit dem Fernglas die Topologie und die Gegner analysiere, um danach einen hunderte Meter entfernten feindlichen Scharfschützen aus einem Kirchturm mit einem einzigen sehr gut gezielten Schuss erledige, ist das ein sehr erhabenes Gefühl.

Stopp!

Das klingt bis hier hin super. Ist es auch. Wenn ich treffe. Schieße ich aber auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad, der mir keinerlei Hilfe anbietet, daneben, ist die Hölle los. Wir haben es jetzt gerade mal Zero Dark Thirty und schon stürmen Gegner, sofern es die KI zulässt, nach vorne und erledigen mich mit wenigen Schüssen. Die teilweise arg mies gesetzten Checkpoints zwingen mich, minutiös geplante und vorsichtig ausgeführte Attacken immer wieder zu wiederholen. Hinzukommt, dass sich das Snipen im Spiel zwar gut anfühlt, nicht aber der offene Kampf. Das klassische Problem, das auch andere Scharfschützen-Spiele nicht in den Griff bekommen. Also starte ich erneut vom letzten Checkpoint. Immer wieder. Bis eine Aktion gelungen ist. Und minütlich grüßt das Murmeltier.

Trotz des tollen Gefühls bei gelungenen Aktionen, entscheide ich mich, das Spiel auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad erneut anzufangen. Und genau da liegt das größte Problem von Sniper Ghost Warrior 2: der Graben zwischen zwei Schwierigkeitsgraden. Plötzlich greift mir das Spiel so arg unter die Arme, dass es mir viel von dem Spaß eines Heckenschützen-Spiels nimmt. Es nimmt mir die Entscheidung ab, welcher Gegner das günstigere Ziel ist, um unbemerkt anzugreifen und zeigt mir obendrein noch an, wo mein Schuss den Gegner bei aktuellen Windbedingungen trifft. Ich muss eigentlich nur noch den Zielpunkt ruhig halten und abdrücken. Das erhabene Gefühl bleibt auf der Strecke.

Ich gehe zurück auf den Experten-Schwierigkeitsgrad und lasse mich lieber frusten, als an der Hand durch das Spiel geführt zu werden. Schade. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn man einzelne Features, wie den Zielpunkt und die Auto-Markierung, ein-, beziehungsweise ausschalten könnte.

Die nächste Stunde wechselt sich das tolle Spielgefühl und der Frust beim Neustart in schöner Regelmäßigkeit ab und lässt mich irgendwann (auch ein bisschen übermüdet) die Sniper Rifle ins Korn werfen.

Sniper Ghost Warrior 2 lässt mich den Feinschliff vermissen, der von einem zweiten Teil zu erwarten ist. Zumal der ja bereits bei Teil Eins fehlte. Schade, aber solange ich als optionaler Scharfschütze in Battlefield 3 und dem letzten Hitman immer noch mehr Spaß an der Sache habe, als in einem Spiel, in dem es die Kernaufgabe ist, kann ich Ghost Warrior 2 nicht ganz ernst nehmen. Ein netter Spaß zwischendurch ist es dennoch. Es gibt einfach noch zu wenig Spiele in dieser Nische.