Vor zirka einer Stunde habe ich das neue Tomb Raider beendet. Vor etwa einer Stunde sackte ich auf meinem Sofa zusammen und habe wieder angefangen zu atmen. Gefühlt habe ich damit vor zwei Stunden aufgehört. Das war in etwa der Moment, als das Finale begann. Das ganze Spiel über wollte mich der Wow-Effekt, ob der gigantischen Bergburgen, Schiffswracks und Blech-Siedlungen, schon nicht mehr loslassen. Manchmal stürzten diese irgendwann ein und ich musste als Lara mit halsbrecherischen Kommandos ins Freie gelangen. Immer war das, was dann auf dem Bildschirm abging atemberaubend. Das Finale hat alles noch einmal getoppt.

Baby, du bist hier in dem Laden die Schönste!

Selbst auf der betagten Xbox 360 ist dieses Spiel ein einziger Augenschmaus. Wirklich erstaunlich, wenn ich daran denke, wie Dishonored noch vor wenigen Monaten darauf aussah. Die abgelegene Insel ist umgeben von hohen Wellen und durchzogen von reißenden Strömen. Bildhübsch. Feuer spielt auch eine wichtige Rolle, denn gekokelt wird oft. Vom alten Lumpensack bis zum Aussichtsturm, der in einer berstenden Explosion das Zeitliche segnet. Ebenfalls schön!

Das mit Abstand großartigste Element in Tomb Raider ist aber weder Feuer noch Wasser. Es ist der Wind. Hat jemals ein Spiel so gut Sturm dargestellt? Journey hat gezeigt, wie es geht. Wer in dessen letzten Minuten schon aufgeregt mitfieberte, der kriegt bei den stürmischen Abschnitten in Tomb Raider Schnappatmung. Tore und Fensterläden knarren, Blätter, Schnee oder Regen fegen durchs Bild und Lara hält schützend ihre Arme vors Gesicht. So fühlt sich Sturm an!

Wer auch immer für die Bauten in Tomb Raider und ihr Layout verantwortlich ist, er hat alle Awards in dem Bereich verdient. Alle.

Ebenfalls sehr gelungen finde ich die schön inszenierten Kämpfe, die in zurückhaltenden Abständen das Erkunden der Umgebung unterbrechen. Shotgun, Maschinengewehr und Pistole sind hier zwar schön und gut, so richtig Spaß machen die aber vor allem mit dem Bogen. Wenn zwei, drei gezielte Kopfschüsse auf Distanz sitzen, bevor ich vor einem geworfenen Sprengsatz davon hechte, um einen weiteren Gegner, der im militärischen Zick-Zack-Schritt auf mich zukommt, mit dem Eispickel stoppe, dann wirkt das im höchsten Maße dynamisch. Kein Herr der Ringe Spiel kann mir das Legolas-Feeling vermitteln, welches ich erfahre, wenn ich einen Sprengsatz von einer Anhöhe in eine Horde Gegner kicke und diesen mit einem Pfeil detonieren lasse.

Das neue Tomb Raider lebt von diesen Momenten und dem Erkunden der Insel. Rätsel spielen bloß noch eine untergeordnete Rolle. Für mich persönlich eine optimale Entwicklung. Den einen oder anderen Fan der alten Lara Croft mag dies aber durchaus verstimmen.

Bemerkenswert ignorant scheinen die Entwickler die allgemeine Resonanz bezüglich der Arbeit ihrer Kollegen bei Capcom im Bezug auf Quick Time Events in Resident Evil 6 ausgeblendet zu haben. In der ersten Stunde des neuen Tomb Raider fragte ich mich stellenweise, ob man hier alten Laserdisc-Spielen nacheifern wollte. Quick Time Events machen mir kein Spiel kaputt. Sie bereichern es aber auch nicht. Und Entwickler, die letzteres denken, sollten doch bitte mal ganz tief in sich hineinhorchen und aufhören, sich selbst zu belügen. Glücklicherweise hören diese Minispiele irgendwann abrupt auf, als wäre es jemandem aufgefallen, wie blöd die eigentlich sind.

Haben Sie mich gerade blöd genannt?!

Wo ich gerade bei Blöd bin. Das Skript und der Haufen an Quoten-Charakteren ist ebenfalls blöd. So grandios das Spiel in Sachen Technik, Spielablauf und Dynamik ist, so unglaublich flach erzählt es seine Geschichte. An einer Stelle im Spiel dachte ich genau das Gegenteil. Ich war begeistert, wie mutig die Autoren einen mysteriösen Gegner einfach im Off belassen haben, ohne näher auf ihn einzugehen. Pustekuchen, wie sich später herausstellte, als dieser banal entmystifiziert wurde, bloß um ins Schema F der Videospiele zu passen. So etwas schmerzt mich sehr.

Zum Glück sind Spiele keine Filme und so kommt es mir nicht wirklich auf die Zwischensequenzen und Handlungen einzelner Figuren an. Wen interessiert das schon, wenn man in luftiger Höhe an Seilen ins Tal schwingt, über Dächer springt, Relikte aufspürt, ab und an sogar jagen muss und in verlassene Gräber abtaucht, um dort ganz traditionell und optional alte Tomb Raider Rätsel zu lösen. Also mich nicht.

Morgen nutze ich dann die nette Möglichkeit, nach dem Beenden des Spiels die restlichen Geheimnisse der Insel zu erkunden. Denn ich habe schon jetzt wieder ein bisschen Fernweh.

Achtung! Die deutsche Xbox Fassung hat keinen englischen Originalton!