Das Chrome Engine 5 Logo prangt bildschirmfüllend vor meinen Augen. Das machen sie, damit ich alles was folgt für die Zukunft mit Techlands hauseigener Software verbinde. Die nette Grafik mit Cel-Shading Touch, das großartige Waffen-Feedback, das Kantenflimmern. Was? Nein! Nicht das Kantenflimmern! Zu spät. Leider ist das neben dem Cel-Shading der optisch markanteste Punkt, den Gunslinger zu bieten hat. Das macht aber nichts. Denn Gunslinger ist ein sehr gutes Spiel, das ansonsten vieles richtig macht und olles Kantenflimmern haben wir zum Beispiel auf der Playstation in der Vergangenheit schon oft erfolgreich ignoriert.

Neben der soliden Technik, die zwar noch Relikte des Egoshooter Genres mit sich bringt, wie etwa ein fehlender eigener Körper und eine “English Gentleman”-Waffenhaltung, überzeugt bei Gunslinger vor allem die Erzählweise der Handlung. Wie im Film Young Guns II lausche ich den Geschichten eines alten Revolverhelde, in diesem Fall der Kopfgeldjäger Silas Greaves, der seine Begegnungen mit der Who-is-Who des Wilden Westens schildert. Während ich spiele. Das ist besonders lustig, wenn die Fantasie mit ihm durchgeht und er sich kurzzeitig auf das Niveau eines Groschen-Romans herablässt und seine Worte dabei das Geschehen und die Umgebung um mich herum verändern. Das ausgerechnet ein Ego-Shooter mal frischen Wind in die verstaubte Erzählweise eines Videospiels bringt, ist grandios und genau mein Humor.

Apropos Humor. Der wird bei Gunslinger ebenfalls groß geschrieben. Das fängt schon bei den Namen einzelner Level an, die allesamt Variationen bekannter Western-Filmtitel sind und gipfelt in grob pointierten, aber für einen Western-Schinken traumhaft passenden Einzeilern.

In der schön gestalteten Umgebung verstecken sich Gegner in Büschen und auf Felsen. Geduckt hinter Felsen oder Kisten hilft mir oftmals nur der Schussrichtungs-Indikator beim Aufspüren der Schurken. Mit aktivierter Konzentration, Gunslingers Bullet Time, färben sich alle Gegner rot und ich stürme schießwütig aus der Deckung. Dabei rasseln Trommelrevolver, klappern die Mechanismen alter Flinten und klicken metallene Abzüge in einem Arrangement aus Blei und Schrot. Das Gefühl, in einem Western mitzuspielen, fängt Gunslinger perfekt ein.

Auf der anderen Seite hat Gunslinger Quicktime Events, künstliche Intelligenz auf dem Niveau von Strohpuppen und aus irgendeinem Grund auch wieder Duelle, die zwar toll präsentiert werden, deren Ausgang aber irgendwie auch immer ein wenig willkürlich zu sein scheinen. Bisher wurden solche Duelle ja lediglich von Ready Steady Go auf Apples Mobilgeräten gut implementiert. Trotzdem mag ich sie, denn sie erinnern an alte Zeiten mit Accolades Law of the West am Commodore 64.

Irgendwie ist das aber alles egal, wenn Held Silas in Zeitlupe sein Blei verschießt und das Spiel mich mit hübsch gemachten Bewertungen und Multiplikatoren auf dem Screen für gute Treffer belohnt, während Tumbleweed vor mir auf dem Boden vorbei weht und John Cygans rauchige Stimme spricht. Und ich auch noch im zweiten Durchgang mit neuen Features überrascht werde. Gunslingers Mechanik baut sich stetig zu meinen Gunsten aus. Das ist dann einfach richtig gut.

Und gute Wild West Spiele sind ja immer noch Mangelware und deswegen ist Gunslinger auch ein wichtiger Titel. Schon alleine wegen des günstigen Preises eines Arcade Titels. Und Wiederspielwert, dank Übernahme der erspielten Upgrades für weitere Durchgänge hat es auch noch. Da braucht sich niemand zu beschweren. Auch nicht über das Kantenflimmern. Im Wilden Westen wurden Menschen schon für weniger Gemecker erschossen!