Das jemand bei Amazon Nicolas Winding Refn die Möglichkeit gegeben hat, eine Serie für den gefühlt seelenlosesten Streamingdienst zu drehen, gibt mir den Glauben an das letzte Fünkchen Gute in diesem Konzern zurück. Das Refn sich bei dieser Serie nicht einen Deut zurückhält und offenbar genau sein Ding durchziehen darf und das auch tut, ist eine kleine Sensation.

Was der Zuschauer bekommt, ist über zehn Stunden reinster, ungestreckter Nicolas Winding Refn Stoff, der erschreckt, überrascht, überzeugt, verwirrt und anstrengt. Der völlig unvorhersehbar ist, der in jeder Szene ein optisches Kunstwerk zum an die Wand hängen ist, der mitunter das Potential zum Traumatisieren hat und der am Ende natürlich wieder stark polarisieren wird. Und wie gewohnt enttäuscht, falls es doch noch Leute gibt, die sowas wie Drive erwarten.

Meine Frau, für die Refn als eine Gefährdung unserer Ehe gilt, ist (immerhin erst) nach eineinhalb Folgen ausgestiegen. Verständlich, denn gerade die ersten drei Stunden sind vor allem Menschen, die zum starken Soundtrack von Cliff Martinez bildhübsch in Szene gesetzt sind, regungslos dastehen und in Dialogen entweder zwei Minuten brauchen, um zu antworten oder gar nicht erst reagieren. Das wird später nur bedingt besser, aber zahlreiche Momente erbarmungslosen Kopfkinos reißen einen dann zunehmend häufiger aus der Hypnose.

Too Old Too Die Young ist wie eine sehr lange Achterbahnfahrt, die extrem lange Geraden hat und bei der man nie sieht, was hinter der nächsten Kurve kommt. Das hier ist Serien-Diversität in Reinform und für mich das Highlight des Halbjahres.