Astreines Sam Bridges Cosplay

Gemessen am Kalender der Metal Gear Solid Spiele ist es noch gar nicht so lange her, dass Hideo Kojima als Überraschungsgast auf einer Xbox Pressekonferenz erschien und die Sony Exklusivität der Serie erstmals gebrochen war. Dann kam irgendwann Metal Gear Solid V, die für mich absolute Krönung der Serie, direkt gefolgt von der unrühmlichen Trennung Kojimas und Konami. Damit war Metal Gear Geschichte und ich sehr traurig. Kojima gründete sein eigenes Studio, um fortan sein eigener Chef zu sein, woraufhin Sony die Gelegenheit am Schopf packte und sich den exklusiven Konsolen Release von Death Stranding sicherte. Das erste Kojima Spiel seit Metal Gear Solid V. Also alles wieder wie früher.

Fast, denn auch wenn Metal Gear Solid immer schon etwas Besonderes war und sich vor allem Teil Fünf mit Innovationen selbst überbot, kommt nichts davon auch nur annähernd an die Spielerfahrung heran die Death Stranding für mich ausmacht. Hochausgebildete Agenten mit geheimer Mission in Krisengebieten waren gestern. Death Stranding steckt mich heute in die Haut eines Paketboten und verteilt Likes für erfolgreiche Missionen. Es ist quasi ein spielgewordenes Abbild unserer Online Konsumgesellschaft. Damit das Ganze aber nicht zum Paketdienst Simulator 2019 verkommt, spielt Death Stranding in der Apokalypse, spinnt eine komplexe Geschichte um die Grenze zwischen den Lebenden und Toten und lässt diese von einer Handvoll skurriler Alter Egos erzählen. Etwa denen von den Regisseuren Nicolas Winding Refn und Guillermo del Toro. Bizarr.

In der kaputten Welt von Death Stranding leben Menschen bloß noch alleine oder in unterschiedlich großen Gruppen isoliert in Bunkern unter der Erde. Lebensmittel und Materialien zum Überleben werden auf der Oberfläche von Portern zwischen den Unterschlüpfen hin und her transportiert. Das wirkt erfrischend anders, obwohl ich im Kern lediglich einem Wegpunkt hinterherlaufe. Zu Fuß, mit oder ohne Schlitten für die Ladung oder mit einem auf Energie angewiesenen Fahrzeug. Wege zum Ziel gibt es viele und Gefahren in Form von Piraten, Monstern oder alles altern lassenden Regen gibt es zuhauf. Death Stranding ist auch ein Schleichspiel und sich wegducken und davonschleichen ist hier definitiv keine Schande, sondern eine weise Entscheidung.

Die Natürlichkeit mit der sich der Protagonist Sam, der von Boondock Saint Norman Reedus gespielt wird, bewegt und artikuliert, während er kiloweise Ladung auf dem Rücken durch die menschenverlassene und postapokalyptische Spielwelt schleppt, ist groß- und einzigartig. Wenn er vollgepackt mit Paketen in einer zu eng genommen Kurve das Gleichgewicht verliert, wenn er über einen kleinen Felsen stolpert oder wenn er mühsam durch hohen Schnee stapft. Immer leide ich dabei mit und entspanne mich umso schneller, wenn es endlich wieder bergab geht, der gefährliche Regen aufhört oder die Aussicht mal wieder absolut umwerfend ist.

Sams cineastische Inszenierung nimmt mitunter allerdings Ausmaße an, die ich nicht immer ganz nachvollziehen kann. Wenn ich zum Recyceln verbrauchter Gegenstände zum Beispiel drei Mini Cutscenes wegklicken muss, weil ich sie schon einhundertmal gesehen habe. Alles ist bei Sam Bridges animiert und vieles davon sehr gut, aber gewisse Abnutzungserscheinungen machen sich nach einigen Spielstunden schon bemerkbar. Auch ein sich mehrmals wiederholender und viel zu künstlich in die Länge gezogener Bosskampf ist mir bitter aufgestoßen. Alles in allem überwiegt bei mir aber das Gefühl etwas wirklich Neues und Einzigartiges zu spielen, und gelegentliche Flüche, wenn mir beispielsweise mal wieder wertvolle Ladung in eine Pfütze Teer fällt, verstummen relativ schnell wieder.

Just habe ich das Spiel beendet, gefühlt nicht mal die Hälfte von dem verstanden, was die Figuren mir in mehreren Stunden Story Einspielern alles so mitgeteilt haben und trotzdem laufe ich noch immer als Paketbote durch die Berge, um vielleicht noch alles auf einhundert Prozent zu spielen. Es lässt mich wohl so schnell nicht mehr los.

Fun Fact: Death Strandings vollbeladener Sam Bridges erinnert mich, wenn er so durch die Gegend läuft, stark an Ebizô aus meinen Lieblings Playstation Zwei Spiel Kamiwaza. Der hat ähnlich viel Kram in einem Floshki auf dem Rücken getragen. Und das mag ich so an Kojimas Meisterwerk: Es wirkt eher wie ein Nischentitel mit einer verrückten Idee, der in den Zweitausendern nur in Japan zu bekommen war, als eine massentaugliche Triple-A Produktion <3