Mein Fitness Platz. Mit einem Foto von Clubber Lang.

Um mich mal selbst zu zitieren:

Mit 30 habe ich gesagt, ich mache erst Sport, wenn ich 40 bin. Mit 40 war mir klar, dass ich dafür 30 sein muss.

So oder so ähnlich lässt sich meine sportliche Laufbahn der letzten 20 Jahre ziemlich genau und auf den Punkt beschreiben. In der Quarantäne der immer noch andauernden Pandemie aber hat sich diese Einstellung für meinen Körper als eher unzumutbar herausgestellt. Ich wollte also irgendwas mit Sport machen, damit zumindest ab und an mal die eigene Herzfrequenz nach oben geht. Mit so wenig Aufwand wie möglich, denn ich bin fauler als ein sechs Monate alter Apfel in der prallen Sonne.

Was liegt also näher als Bewegung mit Spielen ins Spiel zu bringen, denn die Switch lief mit Animal Crossing ja eh schon jeden Tag auf Hochtouren. Dummerweise war Ring Fit, das neue und potentiell revolutionäre Fitness Accessoire von Nintendo überall ausverkauft und online nur mit mehreren Monaten Wartezeit zu bestellen. Bei einem Blick auf die Waage wurde mir aber schnell klar, dass das nicht mehr drin ist. Eine Alternative musste also her. Auftritt Fitness Boxing, ebenfalls für die Nintendo Switch.

Fitness Boxing verspricht zumindest im Namen zwei Dinge, die mich sofort angesprochen haben: Fitness will ich, Boxen mag ich. Interessanterweise lag dieser Titel bereits seit Monaten in meiner Wunschliste, wo Spiele, bei denen ich mir nicht zu 100 Prozent sicher bin, darauf warten heruntergesetzt zu werden. Leider passierte das bei Fitness Boxing nie oder ich habe es verpasst. Die Demo hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits zweimal gespielt und fand es immer noch gut. Also habe ich die vollen 50 Euro bezahlt und begab mich in die Software Fitnesshölle.

Das Spiel bietet mir an frei, oder täglich eine von mir gewählte Zeit, zu trainieren. Außerdem werde ich explizit nach dem Wunschziel meines Trainings gefragt. Ich entschied mich für täglich 30 Minuten Sport und weil mir mein Bizeps und andere mir unbekannte Muskeln ziemlich egal sind, wählte ich als Trainingsziel Cardio aus. Schließlich geht es mir in erster Linie ums Herz und erst im nächsten Schritt darum ab- oder an den Muskeln zuzunehmen.

Ich lege die Karten gleich offen auf den Tisch: Alles abseits der eigentlichen Spielmechanik, im Takt bestimmte Boxbewegungen nachzuahmen, ist hier grober Unfug. Es ist mir unbegreiflich wie es so viele Design-Fehlentscheidungen in ein Spiel geschafft haben. Mal abgesehen von der zweckmäßigen Grafik verstehe ich vieles an Fitness Boxing dabei nicht. Man kann Boxen als trendige Fitnessunterhaltung romantisieren wie man möchte, es bleibt Boxen. Warum muss ich also zu Musik von LMFAO oder Lady Gaga Schattenboxen machen? Warum sieht auf dem Bildschirm alles aus wie in einem schlechten Achtziger Aerobic Video oder im iTunes Visualizer? Warum quatscht mich meine virtuelle Trainerin unentwegt mit immer den gleichen Sprüchen zu, als wäre sie ein Bewohner meiner Insel in Animal Crossing? Dass es sich bei den vielleicht 16 Musiktiteln aus lizenztechnischen Gründen lediglich um Karaoke Cover handelt, fällt da schon fast nicht mehr ins Gewicht.

Ich bin doch hier nicht beim Zumba! Oder doch? Mal ehrlich. Wieviel mehr würde ich mich auf Fitness Boxing freuen, wenn mich ein verschwitzter Trainer im grau melierten Philadelphia Hoodie anschnauzen würde, dass ich auf meine Beinarbeit achten muss? Wieviel cooler wäre das Training in einer virtuellen düsteren Boxhalle ähnlich dem Fite Club in der Serie Ray Donovan? Wieviel höher wäre meine Motivation, wenn ich zu harten Hip-Hop Klängen oder Gitarrenriffs boxen könnte? Warum gibt es kein Eye of the Tiger?! Fragen über Fragen. Nur Antworten finde ich keine. Aber ich kannte all das bereits und wusste was mich erwartet. Und zum Zeitpunkt dieses Texthäppchens zähle ich nicht weniger als 40 durchgehende Tage, an denen ich mich jeden Morgen zwischen 30 und 40 Minuten so dermaßen abgequält habe, dass ich danach komplett nass geschwitzt dastand. Das entspricht einem Reddit Kommentar zum Spiel, der bei mir letztendlich die Kaufentscheidung ausgelöst hat. Irgendwas mit „Es ist trotz aller Fehler ein Spiel, das mir Spaß macht und mich jeden Tag 35 Minuten zum Schwitzen bringt“.

Und es ist dabei so wunderbar einfach umzusetzen. Ich nehme für jede Einheit die Switch aus dem Dock, stelle sie mir auf eine erhöhte Anrichte und boxe los. Das Stretching habe ich übrigens abgeschaltet. Ein 30 Minuten Training besteht aus einem leichten Intro, zwei fordernden Modulen und einem Outro. Jedes Modul besteht aus Kombinationen, die langsam, Schlag für Schlag aufgebaut werden und zum Höhepunkt mehrfach hintereinander weg ausgeführt werden müssen. Dabei ist für mich das Intro quasi das Stretching und ich schiebe vorher lediglich zwei Minuten lang den Kranich ein. Den habe ich mir von meinem Chef abgeguckt, wenn er joggen geht: Ein Arm nach oben gestreckt, die Hand angewinkelt und mit der anderen den Fuß an den Po ziehen. Funktioniert bei mir soweit sehr gut. Am Ende kommt die Switch wieder ins Dock und der Aufwand des morgendlichen Trainings hält sich komplett in Grenzen. Nur so klappt das bei mir mit Sport. Für das oben angesprochene fehlende Box Ambiente des Spiels habe ich mir noch ein Foto von Mr. T als James „Clubber“ Lang auf die Anrichte gestellt. Leider hilft das nur begrenzt. Das Boxen an sich macht mir allerdings trotzdem viel Spaß.

Letztendlich könnte alles an Fitness Boxing besser sein, aber es gibt lediglich zwei Dinge, die mir wirklich den Spaß verderben können. Zum einen ist das Spiel mit sich selbst überfordert, wenn es um etwas anderes als Schläge geht. Straights, Jabs, Hooks und Cuts sind kein Problem und werden von der Software sehr gut erkannt. Aber Fitness Boxing möchte mehr und gerade die Seitenschritte oder Bewegungen des Oberkörpers ohne Schläge liest es nur mit der halben Genauigkeit. Das zu umgehen erfordert überschwängliches Overacting meinerseits, damit die Switch die Bewegung wirklich erkennt. So heißt das seitliche Wegducken bei mir der Carlton, weil ich dabei die Arme wie bekloppt zur Seite werfe. Und der Sidestep ist bei mir der Kermit, weil ich erst zur Seite springe und wie ein Muppet meine Arme mit einem Ruck hinterher ziehe. Manchmal lache ich dabei über mich selbst. Was in der Situation wirklich nicht einfach ist. Ein verfehlter oder nicht gemessener Schlag tut dem Ganzen zum Glück keinen Abbruch. Ob ich am Ende nun drei oder zwei Sterne bekomme, jucken weder mich noch das Spiel und so oft kommt der Sidestep bei mir zum Glück auch nicht im Training vor.

Der andere Punkt, den ich Fitness Boxing nur schwer verzeihen kann, ist die Toleranz bei der Trainingszeit. Ich trainiere morgens nach dem Aufstehen, bevor mein Tag beginnt und der Morgen ist straff durchorganisiert. Ich habe das 30 Minuten Training gewählt weil das gut passt. Wenn mir das Spiel ab und an trotzdem auch mal 40 Minuten vorsetzt, bekomme ich bereits zeitliche Probleme. Klar wäre die Alternative abends zu trainieren, aber dafür ist mein innerer Schweinehund ein zu starkes Alphatier. Natürlich nervt mich das nur, weil diese zehn Minuten länger echt verdammt anstrengend sind.

Und deshalb boxe ich auch weiterhin jeden Morgen in die Luft bis ich klitschnass bin. Einfach weil es sich gut anfühlt und weil ich hoffe, dass es was bringt. Ich habe aktuell übrigens auch drei bis vier Kilo abgenommen, aber das liegt wohl eher daran, dass ich das Mittagessen durch Obst ersetzt habe und nicht am Schattenboxen. Aber wer weiß. Der nächste Wegpunkt wären drei Monate am Stück. Ich halte euch auf dem Laufenden.