Nivalis, die Stadt in den Wolken

Die Stadt Nivalis ist eine Bilderbuch Cyberpunk Kulisse. Aus einem Ozean herausgewachsene Hochhäuser reichen bis hoch über die Wolkendecke hinaus. Dauerregen trifft auf ein Meer an Leuchtreklamen und taucht die Umgebung in einen atmosphärischen Mix aus Dunkelheit und Licht. Anstelle von Vögeln ziehen schwebende Autos an den Gebäuden und auf Schwebeautobahnen vorbei. Regelmäßig übertönt eine Polizeisirene das Geräusch des prasselnden Regens. Auf den Straßen verstreut liegt Müll. Darüber bewegt sich die Bevölkerung. Menschen und Androiden, die sich zwischen ihren Kubus-Wohnungen, schlecht bezahlten Arbeitsplätzen oder möglichen Zufluchtsorten hin und her bewegen. Ganz unten und damit den klimatischen Gefahren schutzlos ausgeliefert die Menschen, die gar nichts haben. In der Mitte das Proletariat, die Dealer und Verbrecher. Oben, über den Wolken herrschen die, die bloß noch arbeiten lassen. Eine schreckliche Dystopie, die mir Angst machen sollte. Und doch kann ich den Reiz, den das Bild einer solchen Stadt auf mich ausübt, nicht leugnen. Cyberpunk ist schrecklich cool.

In der Rolle Ranias, die vor ihrem alten Leben nach Nivalis geflohen ist und dort als Paketbotin beim Kurierdienst Cloudpunk ihr Glück versucht, erlebe ich in genau dieser Kulisse eine recht aufregende erste Nacht im neuen Job. Per Funk bekomme ich Aufträge, Dinge von A abzuholen um sie dann nach B zu liefern. Dabei treffe ich auf Kunden und Stadtbewohner unterschiedlichster Couleur, die mich durch Gespräche mal mehr und mal weniger an ihrem Leben teilhaben lassen. Mit jedem neuen Auftrag lerne ich aber auch die Stadt selbst besser kennen und merke immer deutlich, dass hier etwas nicht stimmt. Mehr als einmal kann ich mich während meiner Arbeit für einen von zwei Wegen entscheiden, um so die Handlung in einer andere Richtung zu treiben.

Beinahe hätte ich Cloudpunk hier den Sonderpreis für das beste Kurierspiel neben Death Stranding gegeben, weil es nämlich anfangs den Anschein machte, als gäbe es nicht ein einziges Zeitlimit. Aufgrund zweier Ausrutscher muss ich diesen Preis nun leider zurückziehen und nochmal mit erhobenem Finger darauf hinweisen, dass Zeitlimits ein Relikt sind und niemandem Spaß bereiten. Was bringt mir eine so toll gestaltete Umgebung, wenn ich durch sie hindurch brettern muss? Nein, ich fahre lieber in Ruhe meine Waren aus.

Und ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich hier einfach bloß herumfliege. Wie ich an Leuchtreklamen halte, die ich noch nicht gesehen habe. Wie ich mir bestimmte Häuser, die wie alles im Spiel aus Voxeln (quasi dreidimensionale Pixeln) bestehen, genauer anschaue. Wie ich dunkle Gassen und weite, wolkige Lichtungen erkunde. Ich frage mich wirklich, warum es so wenig Spiele gibt, in denen ich mit einem fliegenden Auto durch die Gegend cruisen kann. Zum Glück darf ich abseits der regulären Aufträge die Stadt nach Herzenslust mit dem Auto oder zu Fuß auf der Suche nach optionalen Aufgaben oder alternativen Geldquellen erkunden.

Hier eine kleine Gewissensfrage: Wenn ihr die Zugangsdaten zu einem Konto findet, wieviel Geld hebt ihr ab? Alles oder nur einen Teil? Cloudpunk nimmt euch diese Entscheidung jedenfalls nicht ab.

Und obgleich das Spiel zumindest auf der Switch eine mittlere technische Katastrophe ist und nur selten nicht mal die zum würdevollen Leben notwendigen 30 Bilder pro Sekunde gehalten werden, tut das dem Spaß aus irgendeinem Grund keinen Abbruch. Nichtmal die fehlenden Basisoptionen wie das Invertieren der Y-Achse (im Jahr 2020!) oder die nicht existente Möglichkeit, die sehr heftigen Vibrationen abzustellen, halten mich davon ab, dieses Spiel zu genießen. Es ist bizarr. Trotzdem geloben die Entwickler Besserung und kündigten bereits Patches an.

Das ist gut, denn ich bin noch lange nicht fertig mit diesem auf eine eigene Art wunderschönen Spiel und habe noch große Lust Nivalis zu erkunden. Oder einfach nur in luftiger Höhe zu parken und den Verkehr an mir vorbei rauschen zu lassen. Kennt ihr übrigens die Cloudpunk Challenge? Wie lange haltet ihr es nach dem ersten Anspielen aus, nicht einen der Bladerunner Teile zu gucken? Es ist nicht einfach, sage ich euch.